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Polen Kultur und Geschichte

Nord-Ost-Polen ist ein Gebiet, auf dem die Geschichte auf eine besondere Art und Weise lebendig ist. Sie ist präsent nicht nur in materiellen Zeugnissen, sondern vor allem in den Spuren der Zerstörung, Überresten der vergangenen Blütezeit und in der Erinnerung. Sie spricht aus jedem Stein, aus jeder Hausruine. Der Charakter dieser Region wurde von vielen Kulturen geprägt: Polen, Juden, Litauen, Weißrussen, Tataren, Zigeuner hielten diesen Boden für ihre Heimat. In der Zeit der Größe Polens, im 16. Jh., als die polnische Adelsrepublik sich von Danzig bis fast zum Schwarzen Meer und von Smolensk bis Posen erstreckte, und rund eine Million Quadratkilometer umfasste, bildeten diese Gebiete die Grenze zwischen zwei ihren Teilen – der polnischen "Krone" und dem Großen Litauischen Fürstentum, die eine Union eingegangen sind. In diesem Vielvölkerstaat galten auch Ruthenen, Deutsche, Armenier und Kosaken für die Bürger des polnischen Staates. Auf die Frage wer bist Du, konnte man die Antwort hören: "Krakauer Kanonikus, polnischer Nationalität, gebürtiger Ruthene, jüdischer Herkunft." Träger der "politischen Nation" war der uneinheitliche Adelsstand, die Szlachta: er bestand sowohl aus Magnaten als auch aus bettelarmen Kleinadligen, die alle aber mindestens theoretisch gleichgestellt waren und - weil seit dem 16. Jh. Polen zur Wahlmonarchie wurde - den König wählen, und selbst zum polnischen Parlament gewählt werden konnten. Bis heute kann man "Kleinadelsdörfer" finden, die sich gegenüber ihren Nachbarn aus "Bauerndörfern" distanziert verhalten. Bis heute kann man wenige erhaltene, im charakteristischen Stil gebaute Adelshäuser, auf Polnisch "dworki" sehen, die lange Zeit eine kulturstiftende Funktion hatten. Viele von ihnen wurden im Krieg oder im sozialistischen Polen zerstört – nicht selten findet man plötzlich in einem Wald eine alte Lindenallee, die zu den Hausruinen führt. Solche Orte, die wir auf unserer Reise auch sehen werden, einmal so voll vom Leben, könnten viele spannende Geschichten verraten, wenn man sich nur auf eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit begeben will.


Die Res publica war ein Entwurf eines multikulturellen Staates, der nur für eine kurze Zeit aufblühte und sich nicht lange halten konnte. Sowohl wegen der inneren Zerstrittenheit und Rückständigkeit, als auch wegen der ökonomischen Faktoren und der europäischen Machtpolitik ist dieser Entwurf gescheitert. Die Reformierungsversuche - am 3. Mai 1791 wurde z.B. eine für diese Zeit ziemlich fortschrittliche Verfassung verabschiedet (heutzutage ist der 3.Mai ein Feiertag in Polen) – kamen zu spät. Im Jahr 1795 wurde Polen endgültig zwischen Preußen, Österreich und Russland geteilt. Der größte Teil von östlichen Gebieten kam unter die russische Herrschaft. Es begann die Zeit der Repressionen, Aufstände, des Kampfes gegen gnadenlose Russifizierung, des romantischen Patriotismus, aber bis 1918 ist es nicht gelungen, einen souveränen, freien Staat zu erkämpfen. Erst nach dem 1. Weltkrieg hat Polen die Unabhängigkeit wiedergewonnen. Bis 1921 dauerten Aufstände, Abstimmungen, im Laufe deren die polnischen Grenzen festgelegt wurden. Die östlichen Gebiete konnten lange keinen Frieden genießen, weil in den Jahren 1920-1921 vor allem dort der Krieg mit der Sowjetunion wütete. Die Rote Armee kam nach Polen mit der Parole "Über die Leiche Polens nach Westeuropa". Diesmal musste sie sich aber noch, Verwüstung hinterlassend, zurückziehen – bis 1939. Nur so lange existierte das unabhängige Polen, nur so viel Zeit gab es, dass drei Teile des Landes – der russische, deutsche und österreichische - wieder zusammenwachsen. Die Diskrepanzen zwischen diesen Gebieten bestehen bis heute: der ehemalige russische Teil (Nordostpolen) ist immer noch der ärmste, paradoxerweise verfügt er aber wegen dieser Unterentwicklung über die ursprünglichsten, am wenigsten zerstörten Naturgebiete...

1.09.1939 hat Hitler Polen angegriffen. 17.09.1939 war die Rote Armee, aufgrund des Hitler – Stalin Paktes wieder auf den östlichen Gebieten Polens – noch einmal wurde das Land zwischen Deutschland und Russland geteilt. Die Jahre des 2. Weltkrieges haben in Polen bis heute nicht geheilte Wunden hinterlassen. Auf der einen Seite herrschte der deutsche Terror, an den zahlreiche Mahnmale an den Stellen der Massenexekutionen erinnern. Polen starben in Konzentrationslagern, arbeiteten als Zwangsarbeiter in Deutschland, die intellektuelle Elite wurde verhaftet oder ermordet, die für "arisch" erklärte Kinder wurden den Eltern weggenommen und von deutschen Familien adoptiert. Auf der anderen Seite herrschte russischer Terror. Während die Deutschen ihre drakonische Politik gegenüber Polen mit der rassischen Überlegenheit begründeten, machten das die Sowjets mit Klassenkampf-Argumenten: Polen seien bourgeoise Ausbeuter. Ostpolen wurde an die Ukrainische und Weißrussische Republik angeschlossen und auch hier begannen Verhaftungswellen und Deportationen der Intelligenz, Grundbesitzer und aller Feinde der neuen Macht. Nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges wurden alle polnischen Gebiete von Deutschland besetzt. Der 2. Weltkrieg brachte nicht nur Zerstörung des Landes und Ermordung vieler Polen mit sich. Hitlers "Endlösung der jüdischen Frage", bestialische Morde in Ghettos und Vernichtungslager haben verursacht, dass im Osten von Polen ein ganzer Teil der Bevölkerung, eine Kultur, die das Leben mitgestaltete, von der Erdefläche verschwand. Es geht um die polnischen Juden, die hier seit Jahrhunderten lebten, unter denen der Chassidismus entstand, die einen bleibenden Beitrag für die polnische Kultur geleistet haben. Eine ganze Welt wurde ausgelöscht: heute kann man hier und dort eine Synagoge sehen, die am häufigsten zu einem Museum verwandelt wurde, und alte, oft verfallene Friedhöfe, noch häufiger nur ihre Überreste.

Im sozialistischen Polen sorgte man nicht viel für die Erhaltung der kulturellen Vielfalt – eine einheitlich sozialistische Gesellschaft war das Ziel. Und die "jüdische Frage" war wie zu allen Zeiten und in allen Ländern auch hier besonders heikel. Nicht alle Menschen haben aber ihre Vergangenheit und ihre Nachbarn vergessen – heutzutage werden unterschiedliche kulturelle Einflüsse mit gewissem Stolz betont. Und man versucht die vergessenen Welten ins Leben zu rufen. Besonders in Ostpolen wirken unterschiedliche Theatergruppen, Kulturstiftungen, die multikulturelle Erbe aufbewahren und kultivieren wollen.
Weil sich mit der kulturellen auch die religiöse Vielfalt verbindet, so kann man in Ostpolen, auch in kleinen Dörfern, wunderschöne katholische und prächtige russisch-ortodoxe Kirchen besichtigen, man kann sich auf die Spuren der jüdischen Kultur begeben oder ein Tatarendorf mit einem Moschee besuchen. Die Spuren der nicht mehr existierenden Dörfer, Fragmente alter Fundamente mit Gras und Moos überwachsen, bewegen zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und betonen die Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz, die Unsicherheit des Lebens der Menschen, die zu unbedeutenden Teilchen in den Auseinandersetzungen großer politischer Mächte wurden. Diese Spuren des vergangenen Lebens provozieren aber auch zu den Versuchen, es im Gedächtnis zu verewigen und die kulturelle Vielfalt wiederzugewinnen, die einst diesen Gebieten ihre Lebendigkeit schenkte.

Polen heute

Nach dem langen Widerstand gegen die aufgezwungene politische Ordnung, nach Jahren des entschlossenen Kampfes von Solidarnosc um das menschenwürdige Leben und die Freiheit, des Kampfes, der zum Fall des Kommunismus führte, bekam Polen noch einmal Chance, einen souveränen, demokratischen Staat aufzubauen. 1999 wurde Polen in NATO aufgenommen und seit Mai 2004 ist Polen Mitglied der EU. Im Angesicht der unglaublichen Entbehrungen und des großen Leides im letzten Jahrhundert ist das Bewusstsein um die große Chance, welche sich Polen heute bietet, ausgeprägt. Aber auch heute erleben viele Polinnen und Polen den Wirtschaftskurs der Regierung mit restriktiven Sparmassnahmen am eigenen Leibe. Wie in anderen Ländern werden die Sparübungen zu einem großen Teil durch Kürzungen im Sozialbereich erreicht. Die große Herausforderung nach dem EU-Beitritt wird Polens Landwirtschaft darstellen. Denn noch immer leben Millionen Menschen in Polen von der traditionellen, kleinbäuerlichen Landwirtschaft (über 50% der Landwirtschaften hat die Fläche von 1,01 bis 4,99 ha). Wie all diese Menschen nach EU-Vorstellungen noch ein Auskommen haben könnten, darauf fehlen die Antworten.
Polen ist eine Republik mit einem Präsidenten und einem aus zwei Kammern bestehenden Parlament, dessen Mitglieder in allgemeinen Wahlen alle 4 Jahre gewählt werden.


Polnische Kultur

Nicht nur polnische Literatur erweckt Interesse im Ausland. Auch die Namen aus der polnischen Film- und Theaterwelt sind nicht unbekannt. Andrzej Wajda, Krzysztof Kieslowski, Roman Polanski, Agnieszka Holland haben Kinogeschichte mitgestaltet. Jerzy Grotowski und Tadeusz Kantor haben neue Wege im europäischen Theater gebannt. Die polnische Musik hat ihre weltberühmten Großen, zu denen u.a. Chopin, Szymanowski, Paderewski, Penderecki, Górecki gehören. Polnische Jazz-Musiker spielen in der ganzen Welt und in Polen werden jedes Jahr zahlreiche internationale Jazz-Festivals veranstaltet. Krzysztof Komeda, einer der Klassiker im polnischen Jazz, schrieb Musik zu den Filmen von Polanski, u.a. zum "Rosemary Baby". Nikolaus Copernikus und Marie Sklodowska-Curie sind nur zwei von vielen polnischen Wissenschaftler, die Weltruhm erreicht haben.

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Katarzyna Leszczynska
Literaturwissenschaftlerin / Reiseleiterin


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Artikel über polnische Kultur und Geschichte (pdf)


Polen und Russland

So viele Kriege wie Nationen

Warum wir in der Provinz schreiben

Polens moralische Instanz

Marie Curie-Sklodowska

Die feminine Seite der polnischen Literatur

Roman Polanski - die kalte Formation der Welt

Krzysztof Kieslowski - der Puppenspieler

Neues polnisches Kino - die besten Filme

Kathedrale des Königsschlosses in Krakau. Die Kupel der goldenen Kapelle glänzt in der Wintersonne. (Weltkulturerbe)
Orthodoxes Kreuz in Soce
Marktplatz von Zamosc (Weltkulturerbe)
Altstadt von Lublin
Neptunbrunnen in Danzig
Altstadt von Warsschau (Weltkulturerbe)
Alte orthodoxe Kirche mit Zarentor / Lublin
Die eindrückliche Kathedrale von Lublin
alte Holzkirche von Puchly
An der polnisch-russischen Grenze zu Königsberg
Aula Leopoldina der Universität Wroclaw / Breslau
Dominsel mit Altstadt in Wroclaw / Breslau
Malbork, mächtigste Burg der Kreuzritter (Weltkulturerbe)

Bilder © Wisent Reisen 2005