Wisent Reisen - Polen verstehen
Ihr, das kleine Übel

© DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21

STEFFEN MÖLLER
Deutschlands bester Botschafter
Hamburg, ein Tag nach der überfüllten Lesung aus seinem Buch Viva Polonia. Steffen Möller bestellt ein Leitungswasser und mimt Verwunderung darüber, wie klar es ist. Als er 1994 ohne Sprachkenntnisse nach Polen reiste, kam dort noch braune Brühe aus dem Hahn.
Möller blieb in Polen, aus seinen Alltagserfahrungen hat er ein erfolgreiches Kabarett gemacht. Mit Fernsehsendungen wie der Soap L wie Liebe, in der er einen notorisch unglücklich verliebten deutschen Bauern spielt, wurde er in ganz Polen berühmt und beliebt. Für seine Bemühungen um die deutsch-polnischen Beziehungen hat ihm Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Im Februar ist Steffen Möllers Buch Viva Polonia erschienen, das in kürzester Zeit zum Bestseller wurde. Mittlerweile wird es in siebter Auflage verkauft. Möller glaubt nicht an das plötzliche Interesse der Deutschen an Polen. Seinen Erfolg habe er den emigrierten Polen zu verdanken. Fast zwei Millionen in Deutschland haben die deutsche und die polnische Staatsangehörigkeit.

Nun verrät Steffen Möller seinen Landsleuten, wie man die Nachbarn im Osten erobern kann.

Die ZEIT: Sie leben seit 14 Jahren in Polen, machen dort Kabarett und treten nun auch in Deutschland auf. Was erzählen Sie den Deutschen über Polen?

Steffen Möller: Ich fange mit der Geschichte an, wie ich zum ersten Sprachkurs nach Krakau fuhr und im Zug neun Stunden lang mein Portemonnaie festgehalten und dazu noch meine ersten polnischen Wörter buchstabiert habe, hamulec bezpieczenstwa, Notbremse. Danach übe ich mit dem Publikum die beiden wichtigsten polnischen Wörter ein, damit es auch mal ein Erfolgserlebnis hat und nicht an den Zischlauten zugrunde geht.

ZEIT: Welche Wörter sind das?

Möller: Das erste ist prze-pra-szam, Entschuldigung. Ein Wort, das für uns Deutsche ja öfter mal nützlich ist. Das zweite Wort benutzt man, wenn einfach alles schiefgeht. Dann sagt ein Pole: trudno, schwierig. Dazu erzähle ich die Geschichte von meinem Freund Daniel, der aus Mainz nach Polen fuhr und nur diese beiden Wörter konnte. In Warschau wurde er von der Polizei angehalten, weil er 30 Stundenkilometer zu schnell war. Der Polizist überschüttete ihn mit einem Wortschwall. Daniel verstand nichts und sagte einfach »przepraszam«. Daraufhin wollte der Polizist 400 Zloty Strafe, etwa 100 Euro. Und Daniel sagte: »truuuuuudno«, schwierig. Da musste der Polizist so lachen und meinte: Komm, fahr weiter.

ZEIT: Beschreiben Sie doch mal die Deutschen und die Polen in drei Sätzen.

Möller: Die Deutschen sind den Polen sehr ähnlich. Beide trinken gerne Bier, sie lieben die Schrebergarten- Gemütlichkeit und sind sehr skeptisch.

ZEIT: Und die Unterschiede?

Möller: Die Sprachbarriere. Würden die Deutschen nicht denken, dass die polnische Sprache völlig unverständlich ist – vom Temperament her würden die beiden Nationen gut zusammenpassen.

ZEIT: Es bleibt die Last der deutschen Schuld.

Möller: Natürlich ist die Vergangenheit da. Aber sobald die Polen merken, dass ein Deutscher diese Vergangenheit nicht abstreitet, sondern darüber spricht, werden sie locker.

ZEIT: Die Deutschen setzten sich doch mit ihrer Vergangenheit intensiv auseinander.

Möller: Das ist doch nur in bestimmten Kreisen so. Ich moderiere oft Partys von deutsch-polnischen Firmen, und da geht es den Polen auf die Nerven, wenn sie das Gefühl haben, da kommt ein Deutscher und tut so, als sei nichts gewesen. Für deutsche Unternehmer, die in Polen eine Filiale gründen, hat dieses Thema keinen Platz, das sollen mal schön Historiker oder Politiker machen. Sie behandeln die Polen oft herablassend. Die Polen folgern dann: Aha, die angebliche Vergangenheitsbewältigung ist etwas für Sonntagsreden.

ZEIT: Klingt nicht nach gegenseitiger Leichtigkeit.

Möller: Die Polen sind gegenüber Deutschen eigentlich aufgeschlossen. Nach den Deutschen kamen ja noch die Russen, und die sind dann gleich 40 Jahre dageblieben. Die Deutschen gelten deshalb heute als das kleinere Übel.

ZEIT: Wenn der Umgang mit der Vergangenheit so leicht ist, warum haben die Kaczynskis dann so oft darauf zurückgegriffen? War das alles nur Show?

Möller: Nein, sie glaubten wirklich, dass der Revanchismus in Deutschland blüht. In Moskau glaubt man es doch anscheinend auch. Gerade jetzt bei der großen Parade auf dem Roten Platz hat sich gezeigt, dass viele Russen allen Ernstes befürchten, die Nato wolle die Rohstoffe in Sibirien erobern und rücke deshalb an die russischen Grenzen vor. Wir halten das für völlig absurd und die Russen für paranoid. Genauso haben wir die Kaczynskis für paranoid gehalten. Aber mit etwas schlechtem Willen kann man das so sehen.

ZEIT: Mit sehr viel schlechtem Willen!

Möller: Wir glauben, die ganze Welt wüsste, dass es so was wie die 68er, die Friedensbewegung und das Berliner Holocaust-Denkmal gegeben hat. Das weiß aber im Osten kaum einer, so wie wir ja auch nichts über polnische oder russische Befindlichkeiten wissen. Am Anfang konnte ich das Phänomen Kaczynski verstehen. Sie wollten ja vor allem die Korruption und die Postkommunisten im eigenen Land bekämpfen. Das Thema Deutschland war nicht wichtig. Was dann aber an Hetze stattfand, war schlimm. Aber jetzt haben wir ja den Papst! Der repariert das deutsche Image wieder.

Zeit: Benedikt XVI. als Polens Liebling?

Möller: Man könnte ihn als den Statthalter von Johannes Paul II. auf Erden bezeichnen. Dadurch ist er so beliebt.

ZEIT: Wird Polen jetzt also normal?

Möller: Ja. Ich erlebe es oft, dass Deutsche mein Buch kaufen, weil sie nun nach Polen in den Urlaub fahren wollen. Jetzt, wo die Kaczynskis weg sind, haben sie das Gefühl, wieder hinzukönnen.

ZEIT: Die Deutschen kommen bei Ihnen nicht gut weg. Sie beschreiben zum Beispiel den flinken, netten polnischen Schaffner und dann den unfreundlichen deutschen mit dem Watschelgang. Aber das hat sich in den vergangenen Jahren geändert.

Möller: Die meisten Deutschen würden Ihnen empört zustimmen. Wenn ich schreibe, die Deutschen seien obrigkeitshörig, heißt es immer, Steffen, das sind abgegriffene Klischees, wir haben uns doch geändert. Aber ich habe in Polen nun mal ein anderes Deutschland kennengelernt, ein etwas unsympathischeres als das, was ich kannte.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Möller: Die deutsche Arroganz ist überall spürbar, man muss nur mal ein bisschen Pole sein. Ich habe es in einer Berliner Wohnverwaltung erlebt. Ich sollte eine Steuerbescheinigung vorlegen. Als ich sagte, mein Finanzamt befinde sich in Warschau, konnte ich förmlich sehen, wie meine Chancen auf diese Wohnung rapide sanken. Wenn ich gesagt hätte, mein Finanzamt ist in London, hätte ich die Wohnung sofort gehabt. Ich frage auch Polen, die zu meinen Lesungen kommen, wie lange sie schon in Deutschland leben. 25 Jahre, sagt dann einer. Und, finden Sie die Deutschen nett? Erst kommt Schweigen, dann: Sie sind so kalt.

ZEIT: Die Fußballweltmeisterschaft 2006 hat an diesem Bild nichts geändert?

Möller: Doch! Ich kenne einen TV-Produzenten, der zur WM nach Deutschland gefahren ist. Er hatte zwar keine Karten, hat die Spiele aber auf den Fan-Meilen angeschaut. Der war begeistert von Deutschland. Aber die meisten Polen haben davon nichts mitgekriegt. Im Fernsehen wurde nur Reklame und dann gleich der Anpfiff gezeigt.

Zeit: Bei der letzten WM standen Sie zwar im polnischen Fanblock, waren aber zwischen Deutschland und Polen hin- und hergerissen. Sind Sie bei dieser EM für Polen?

Möller: Die Polen haben doch immer nur verloren, verloren, jetzt sind sie mal dran. Aber mit Fußball ist es wie mit Essgewohnheiten. Ich bin heute noch ein Fan von deutschem Brot und deutscher Wurst, auch wenn alle Polen meinen, polnische Wurst und polnisches Brot seien unübertrefflich. Und es ist verflixt schwer, nicht für Deutschland zu sein, wenn man schon als Kind in Bayern-München-Bettwäsche geschlafen hat.

Zeit: Und trotzdem sind Sie für Polen?

Möller: Ich nehme es mir zumindest vor. Aber das ist, als würde ich mir vornehmen, dass mir ab morgen das polnische Brot doch besser schmeckt.

Die Fragen stellten Alice Bota und Bernd Ulrich

Steffen Möller: Viva Polonia
Als deutscher Gastarbeiter in Polen; Scherz Verlag, 2008; 368 S., 14,90 €


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